Waldtypische Gefahren kein Haftungsgrund

aktuelles Gerichtsurteil - Schwarzwaldverein Hauptverein und Deutscher Wanderverband

Ein aktuelles Gerichtsurteil zum Thema Verkehrssicherungspflicht stärkt die Position der Wandervereine

und Waldbesitzer: Einem Mann, der von einem umstürzenden Baum auf einem zertifizierten Wanderweg im Harz verletzt wurde, steht nach dem Urteil des Oberlandesgerichts Naumburg kein Schadensersatz zu.  

Einer Pressemitteilung des Deutschen Wanderverbandes zufolge, verwies das Gericht in seinem Urteil ausdrücklich auf waldtypische Gefahren, denen sich jeder Waldbesucher auf eigene Gefahr aussetze.

Aus Sicht des Schwarzwaldvereins stärkt dieses Urteil erneut die Position der Waldbesitzer und die der Wandervereine, die sich darauf berufen können, nicht für Schäden aus waldtypischen Gefahren auf markierten Wanderwegen haftbar gemacht zu werden.  

Das Wegereferat des Schwarzwaldvereins sieht im Urteil ein gutes Argument gegenüber skeptischen Waldbesitzern, die in der Duldung von Wanderwegen ein Haftungsrisiko befürchten.  

Wenn eine erhöhte Verkehrssicherungspflicht in Hinblick auf waldtypischen Gefahren nicht einmal auf zertifizierten und touristisch stark beworbenen Wegen gelte, so Wegereferent Patrick Schenk, dann umso weniger auf den normalen Wanderwegen, wie etwa den 18.000 Kilometern örtlicher Wege mit gelber Raute.

Der Schwarzwaldverein sieht das Urteil auch als Appell an Waldbesucher, ihren Aufenthalt in der Natur nicht als rundum abgesichertes Vergnügen zu betrachten, sondern sich die Risiken und Gefahren bewusst zu machen. "Dies gilt besonders in diesem Corona-Winter, in dem sich an Wochenenden besonders viele Menschen auf dem Weg in die Natur machen und wo aufgrund von reichlich Schnee in den Wäldern zusätzliche Vorsicht angebracht ist" meint Mirko Bastian, Hauptgeschäftsführer des Schwarzwaldverein e.V.

Pressemitteilung 1/2021 des Deutschen Wanderverbands vom 13.01.2021

Wandern auf eigene Gefahr

Einem Mann, der während einer Wanderung auf dem Harzer-Hexen-Stieg von einem umstürzenden Baum erfasst und dabei schwer verletzt wurde, steht kein Schadensersatz zu. Das hat das Oberlandesgericht Naumburg in einem Berufungsverfahren entschieden. Der Mann hatte zuvor vergeblich vor dem Landgericht Magdeburg geklagt und von der Stadt Thale Schmerzensgeld von mindestens 200.000 Euro verlangt. Der Deutsche Wanderverband begrüßt das Urteil, da es seinen Mitgliedsorganisationen für ihre tägliche Arbeit Sicherheit gebe und die Bedeutung eigenverantwortlichen Handelns betone.

Nach eigenen Angaben wurde der Kläger im Juli 2018 auf dem touristisch beworbenen Harzer-Hexen-Stieg von einem herabstürzenden Baum erfasst und schwer verletzt. Der Unfall ereignete sich auf einem Waldgrundstück der Stadt Thale. Der Verletzte war der Auffassung, dass die Stadt ihre Verkehrssicherungspflichten verletzt habe. Der Baum sei deutlich erkennbar abgestorben gewesen und wäre bei der Durchführung einer Baumschau sofort als Gefährdungsbaum ersichtlich gewesen und gefällt worden, so dass es nicht zu dem Unfall gekommen wäre.

Das Landgericht Magdeburg folgte dieser Auffassung nicht. Es wies die Klage aufgrund der geltenden Gesetzeslage (§ 4 und § 22 Landeswaldgesetz Sachsen-Anhalt) und der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (Urteil vom BGH, Urteil vom 02. Oktober 2012 – VI ZR 311/11) ab. In einer Mitteilung des Landgericht Magdeburg heißt es: „Der Waldbesucher, der auf eigene Gefahr Waldwege betritt, kann grundsätzlich nicht erwarten, dass der Waldbesitzer Sicherungsmaßnahmen gegen waldtypische Gefahren ergreift. Mit waldtypischen Gefahren muss der Waldbesucher auch auf Wegen rechnen. Er ist primär selbst für seine Sicherheit verantwortlich. Risiken, die ein freies Bewegen in der Natur mit sich bringt, gehören grundsätzlich zum entschädigungslos hinzunehmenden allgemeinen Lebensrisiko. Dementsprechend können und müssen auf Wanderwegen nicht sämtliche Gefahren ausgeschlossen werden. Würde man eine völlige Gefahrlosigkeit der Wanderwege fordern, müsste man auf reizvolle Routen im Bergland ebenso wie auf einsame Waldpfade im Flachland aus Haftungsgründen verzichten. Auch nach der gesetzlichen Risikoverteilung aus § 22 LWaldG LSA haftet selbst auf stark frequentierten und touristisch beworbenen Waldwegen der Waldbesitzer nicht für waldtypische Gefahren.“

Das Oberlandesgericht Naumburg hat diese Auffassung Mitte Dezember 2020 bestätigt und die Berufung des Klägers zurückgewiesen. Dem Kläger stehe kein Schadensersatz zu, weil sich mit dem Umsturz des Baumes eine „waldtypische“ Gefahr verwirklicht habe, für die die beklagte Stadt auch auf Wanderwegen nicht hafte. Der Deutsche Wanderverband (DWV) hält die Entscheidung aus mehreren Gründen für hilfreich. DWV-Geschäftsführerin Ute Dicks: „Das Urteil gibt unseren Mitgliedsorganisationen Sicherheit. Die Haftungsfrage auf Wanderwegen ist in vielen Vereinen immer wieder ein großes Thema. Außerdem zeigt die Entscheidung, dass Leitwege wie der Harzer-Hexen-Stieg juristisch ebenso behandelt werden wie andere Wanderwege. Sie unterliegen also keinen besonderen Auflagen. Das ist besonders für Qualitätsangebote wie die Qualitätswege ´Wanderbares Deutschland` relevant. Nicht zuletzt verdeutlicht das Urteil, wie wichtig selbstverantwortliches Handeln auch draußen in der Natur ist.“

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